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Über den Tellerrand: Polen - Nacktwanderer in Bergnot

Zu Einsätzen der anderen Art werden zur Zeit unsere Kollegen aus Polen gerufen. Zu der Rubrik "Skuril" dürfte wohl folgende Meldung zählen. Immer mehr Polen müssen in Badehose oder Bikini von der Berghilfe evakuiert werden. Ein Bericht von Paul Flückiger, Warschau (NZZ-E-Paper vom 23.02.2021)

Archiv ÖBRD, LO Salzburg

Der Weiberberg (auf Polnisch Babia Góra) westlich des Tatra-Gebirges ist einer fünfköpfigen Bergsteigergruppe kürzlich zum Verhängnis geworden. Vier Männer und eine Frau aus Ostpolen machten sich in kurzen Hosen und mit nackten Oberkörpern bei minus 16 Grad Celsius an die Erstürmung des 1725 Meter über Meer gelegenen Gipfels. Die Frau trug dazu noch einen BH und Handschuhe. Hätten ihr andere Touristen nicht eine Windjacke und eine Mütze gegeben, hätte die 43-Jährige kaum überlebt, heisst es bei der polnischen Bergnothilfe GOPR.

Spektakuläre Fotos im Netz

Als die Bergretter nach 50 Minuten Gewaltmarsch mit dem Rettungsschlitten ankamen – kein Helikopter konnte unter den herrschenden Wetterbedingungen landen –, war die 43-Jährige in einem Zustand tiefer Unterkühlung und kaum mehr ansprechbar. Ins Spital sei die Frau mit einer Körpertemperatur von 26,9 Grad eingeliefert worden, schreiben Lokalzeitungen. Seitdem kämpft ein Krakauer Ärzteteam um ihr Leben.

«Trockenes Eisschwimmen in den Bergen» nennt sich der neuste Modesport in Polen, dem die Frau zum Opfer gefallen ist. Die neue Disziplin wird von den Betreibern meist gut dokumentiert, und die entsprechenden Fotos werden spätestens am Abend nach der Tour auf die sozialen Netzwerke gestellt. In den letzten Winterwochen sei die Zahl der Wanderer in kurzen Hosen und Bikinis exponentiell angestiegen, berichtet Marcin Szczurek, der Bergrettungschef der Beskiden, zu denen der im Sommer leicht erklimmbare Gipfel gerechnet wird. Unvernünftige, nicht bergerprobte Touristen würden leichtsinnig das Leben anderer und mitunter auch ihrer Retter gefährden, klagt er.

Wer nackt wandern wolle, müsse sich über Jahre hinweg beim Eisschwimmen im Wasser langsam abhärten, dort mindestens dreissig Minuten ausharren können und auf solche Schneewandertouren natürlich warme Kleidung und heissen Tee mitnehmen, erklärte ein Kurzhosenbesteiger des Weiberberges noch am Unglückswochenende auf Facebook. Das Gipfelfoto seiner entblössten, bärtigen Dreiergruppe im dicken Nebel auf dem höchsten Beskidengipfel machte in Polen schnell die Runde.

Die Kurzzeitberühmtheit rief offensichtlich Nachahmer auf den Plan. Von allen Bergabschnitten an der polnisch-slowakischen und der polnisch-tschechischen Grenze werden immer neue Rettungseinsätze gemeldet. Sind die Wanderer nicht nackt, so haben sie sich mit entladenen Mobiltelefonen ohne gedruckte Landkarten  verirrt oder ihre Kondition im Tiefschnee überschätzt.

Dem Lockdown entsprungen

«Ich verstehe, dass man auch trocken eisschwimmen kann, aber man soll das in der Nähe eines Raumes machen, wo man sich nach ein paar Minuten aufwärmen kann», rät der Bergretter Maciej Stanislawski in einer Krakauer Lokalzeitung. Es sei doch irrational, Finger und Zehen oder auch das ganze Leben aufs Spiel zu setzen. Immer mehr Bergretter sind auch einfach schlicht sauer auf die «nackten Idioten».

Polnische Medien bringen den neuen Modesport mit dem harten Lockdown in Verbindung. Die Fitnessstudios sind seit Monaten geschlossen, Mannschaftssport auch unter freiem Himmel kaum mehr möglich. Dazu hat die Bedeutung der sozialen Netzwerke in der Pandemie noch einmal zugenommen. Auch das traditionelle Eisschwimmen hat indes eine extremere Form angenommen. Beliebt ist in diesem Winter das Schwimmen zwischen den Eisschollen geworden. Am vergangenen Wochenende ertrank ein Mann in einem kleinen See bei Rypin beim Tauchgang unter der Eisdecke. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

Quelle: Aus dem NZZ-E-Paper vom 23.02.2021

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