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Gedanken eines Philosophen: Verzicht!

Ein Philosoph macht sich Gedanken über Verzicht und Anspruchsdenken in den Bergen.

Autor: Jens Badura ist habilitierter Philosoph, Kulturproduzent und Publizist sowie ehem. Bergretter. Er leitet das berg_kulturbüro in Berchtesgaden, lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und forscht am Institut Kulturen der Alpen der Uni Luzern.

Der heurige Sommer, Herbst und Winter zeigte, was geschieht, wenn wirklich sehr viele Menschen nicht darauf verzichten wollen, in die Berge zu gehen. Es wurde auf manchem Gipfelplateau so eng, dass die Einhaltung der coronagebotenen Abstandsregeln ein erhebliches Absturzrisiko zur Folge gehabt hätte. Und einschlägige Bergsportnutzräume im Bergnaturraum wurden von der schieren Menge an Bergnaturliebhabern und deren Bergzeitansprüchen von der Talsohle bis zum Höhenziel nachhaltig in ihrer carrying capacity herausgefordert. Overmountaineering live gewissermaßen – und von einem entsprechenden Klagediskurs flankiert.

Dass sehr viele Menschen auch sehr viele Spuren hinterlassen, allenfalls Dichtestress generieren und so Konflikte provozieren, ist nicht neu. Es mangelt daher auch nicht an guten Ratschlägen, wie man das diesbezügliche Folgenkonglomerat bergsportlicher Aktivitäten möglichst verträglich gestalten könnte und sollte. Nicht zuletzt die Alpenvereine engagieren sich dahingehend durch ihr ausgiebig betriebenes Unterweisungsprogramm, das Motivation und Mahnung stets bergfexzugewandt zu versöhnen bemüht ist. Und manchmal wird gar der Verzicht nahegelegt. Etwa zum Schutz von Wildruhezonen, zur Lawinenprävention oder zur Nervenschonung angesichts erwartbarer Karawanenwanderatmosphäre.

Verzicht bedeutet gemäß der klassischen Wortbedeutung, etwas nicht zu beanspruchen – was voraussetzt, dass eigentlich ein Anspruch besteht, der aber aus bestimmten Gründen nicht wahrgenommen wird. So gesehen wäre der Verzicht auf Bergzeit die Nichtwahrnehmung des Anspruchs auf Bergzeit. Ist es aber ausgemacht, dass Menschen den Anspruch haben, sich in und auf den Bergen zu tummeln – und ist der derzeitige Run auf die Berge letztlich nur ein Lenkungsproblem, denn Platz wäre ja genug für all die montanaffinen Anspruchsinhaber?

Vielleicht ist es aber an der Zeit, offen zu diskutieren, woher sich dieses Anspruchsdenken speist. Und die Möglichkeit zu bedenken, ob nicht hinter der selbstverständlichen Bergzeitbeanspruchung und der massiven, zwischen Trend und Trieb vollzogenen Anspruchseinlösung vergessen geht, dass die Berge schlicht ein Geschenk sein könnten. Auf Geschenke hat man keinen Anspruch. Doch kann man sich an ihnen freuen und dankbar sein, dass es sie gibt. Zuweilen auch ohne Spuren zu hinterlassen.

www.bergkulturbuero.org

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