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Wenn Bergretter reisen: Stürmische Expedition zum höchsten Berg Patagoniens

Unendliche Eisflächen, Schneestürme und Gletscherspalten: Bernd Tritscher, Bezirksleiter des Pinzgaus, berichtet ausführlich über seine Expedition mit Freunden ins nördliche patagonische Inlandeis. Ziel war der Monte San Valentin, mit 4.058 Metern der höchste Berg in Patagonien. Expeditionen in das kaum erforschte nördliche Eisfeld finden nur selten statt.

Der Hielo Norte Patagonien mit dem Monte San Lorenzo

Mallín Colorado: Resort mit einigen kleinen Bungalows mit Blick auf den 1.850 km2 großen und 200 Km langen Lago Carrera General, einen der größten Seen Südamerikas.

Cerro Castillo

Lago Leones

Abstieg im Schneesturm durch enge Felsscharte zwischen den Eisfeldern.

Lago Leon: gesund retour!

Patagonien liegt zwischen dem 39. und dem 52. Breitengrad. Größtenteils besteht Patagonien aus unendlich weiter Pampa, welche sich auf argentinischem Hoheitsgebiet befindet (Ostpatagonien). Das eigentliche Rückgrat Patagoniens bilden aber die patagonischen Anden (Westpatagonien), die überwiegend zu Chile gehören. Hier befinden sich auch die beiden größten außerpolaren Eiskappen: das nördliche und das südliche Patagonische Eisfeld. Die Eisfelder bedecken eine Fläche von rund 18.000 km2.

Wildes und unerforschtes nördliches Eisfeld

Das nördliche Eisfeld ist kleiner, aber dafür noch weitgehend unerforscht und eine der wildesten und abgelegensten Gegenden unserer Erde mit extremen Wetterbedingungen. Durch die Nähe zum Pazifik beträgt die jährliche Niederschlagsmenge 8000 mm, die Winde erreichen Orkanstärke. Gutes Kartenmaterial sucht man vergeblich und der Zugang zum Eisfeld stellt auch heute noch eine große logistische Herausforderung dar.

Monte San Valentin: höchster Berg Patagoniens

Der Monte San Valentin steht am nördlichen Ende des Nord Patagonischen Eisfeldes und ist mit 4.058m der höchste Berg Patagoniens.  Expeditionen dorthin werden sehr selten durchgeführt. Dieser Teil Südamerikas ist bekannt für seine eisigen Schneestürme und lang anhaltendes Schlechtwetter. Viele Expeditionen sind gescheitert. Und liest man auf  Wikipedia nach, dürfte man da eigentlich gar nicht hinfahren. Aber all diese Ungewissheiten machen den Reiz einer solchen Unternehmung aus.

Anreise und Ankunft

Nach einem langen Flug über Zürich, Madrid, Santiago de Chile landen wir im Süden von Chile in Balmaceda, dem Flughafen von Coyhaique.  Coyhaique ist die Hauptstadt der Patagonischen Region Aysen. Dort werden wir durch die lokale Crew empfangen. Pasquale, Javier und Andres begrüßen und herzlich. Am Abend serviert uns der Wirt vom Fogon Puesto in Coyhaique die ersten Steaks und Lomos. Patagonisches Bier - gebraut in einer kleinen Brauerei in Coyhaique - und chilenischer Rotwein lassen die Reisestrapazen vergessen.

Über die Carretera Austral zum Ausgangspunkt
Am nächsten Tag geht es über die Carretera Austral , eine weitgehend unbefestigte Fernstraße, die den großen Teil von Chiles Südens durchquert nach Cerro Castillo. Ab hier geht es auf der Schotterpiste weiter nach Puerto Guadal, zu unserem Ausgangspunkt. Wir erreichen das Mallín Colorado, ein traumhaft gelegenes Resort mit einigen kleinen Bungalows mit Blick auf den 1.850 km2 großen und 200 km langen Lago Carrera General, einer der größten Seen Südamerikas.

Letzte Vorbereitungen

In Puerto Guadal, einem kleinen Ort mit 500 Einwohnern, machen wir die letzten Besorgungen und checken nochmals unsere gesamte Ausrüstung vor dem morgigen Expeditionsstart. Pasquale von Kalem Touristik, der vor Ort alles organisiert, will uns noch die ungefähre Route auf der Karte zeigen. Nach mühsamem Suchen findet er schließlich ein Papier. Es ist ein großes Blatt Monte San Valentín o San Clemente (der alte Name) aus dem Jahre 1975 im Massstab 1:50.000. Vieles auf der Karte ist einfach weiß , ohne Höhenlinien. Es sind dies "SVE sog. zonas no restituida por falta de visión estereoscópia" kurz gesagt Zonen, die nicht kartographiert sind.

Altes Kartenmaterial aus dem Jahr 2004

Unsere "Route" bzw. der Zustieg zu unserem Berg verläuft häufig in diesen SVE, wie wir schnell bemerken. Ein GPS Track existiert nicht. Schlechte Karten, keine Beschreibung oder Informationen über das Eisfeld und den Berg und dazu das patagonische Wetter - mit soviel Ungewissheit bin ich noch an keinen Berg gefahren. Die einzigen Anhaltspunkte sind Informationen einer Schweizer Pionierexpedition aus dem Jahr 2004. Allen sieht man die Anspannung an. Aber wenigstens das Wetter ist hier am Ostrand  der Berge halbwegs gut.

Am nächsten Tag starten wir zu neunt voll motiviert und voller Enthusiasmus. Javier und Eugenio, zwei Chilenische Locals, begleiten uns. Nach ca. einstündiger Fahrt im Schüttelbecher erreichen wir das Ende der Piste im Leonestal. Wir wandern vollbepackt mit ca 25kg Rucksäcken in gut 2,5 Stunden zum Lago Leon auf rund 370m, wo Pasqual auf uns wartet. Pasqual hat in wochenlanger Arbeit mit seinen Helfern ein Plastikboot, 40 PS und 9 Plätze, zum See gezogen und führt 2-3tägige Trekking und Bootsfahrten zum Leones Gletscher durch. Wir überqueren den See in einer halben Stunde und erreichen unser eigentliches Ausgangslager.

Chilenischer Apero im „Partisanenlager“

Im Partisanenlager - wie ich es nenne - rund 30m vom Seeufer entfernt gönnen wir uns abends noch einen Pisco, gekühlt mit 100.000-jährigem Eis des Glaciar Leon. Das chilenische Apéro halt. Ca. um 22 Uhr nachts erreichen uns auch die Träger mit dem restlichen Equipment und vor allem dem Essen.

Durch Sumpf und Schnee zum Lager "Campo Putagonia"

Nach einer zweiten kurzen Bootsfahrt erreichen wir am nächsten Morgen den Ausgangspunkt für den Aufstieg ins C1 - eine Moräne mit Wegspuren. Voll bepackt mit sauschweren Rucksäcken und bereits mit schweren Schuhen schlagen wir uns weiter den Weg durchs Unterholz frei und passieren Unmengen von Hochmooren und kleinen Bächen. Nach rund drei Stunden sind wir über der Waldgrenze wo der Wind merklich zunimmt, unterbrochen von dem einen oder anderen Regenschauer. Wir steigen weiter teils im Schnee, in Sümpfen oder auf feinstem Granit. Wir finden kurz vor dem eigentlichen ersten Lagerplatz, auf ca.1000m Seehöhe  einen schönen Platz für ein Lager. Etwas tiefer als vorgesehen dafür windgeschützter und teils noch nicht im Schnee ein top Platz für unsere Zelte. Dieses Lager wird auch "Campo Putagonia" genannt, da es hier immer stark windet und eher ungemütlich ist. Unsere Träger, die uns auf den ersten drei Etappen unterstützen, kommen irgendwann um Mitternacht in unser Lager.

Raquetas de Nieve – Schneeschuhe bewähren sich auf dem Weg zum nächsten Camp

Wir entscheiden uns, ohne Depots weiterzumachen und Lager für Lager weiterzuziehen. Die Lager sind bis auf das Campo Italiano - unser heutiges Ziel- sowieso nicht wirklich definiert. Heute gehen wir gleich vom Lager weg mit meiner Lieblingsausrüstung - den Raquetas de Nieve (Schneeschuhe) - für einen Skifahrer die Höchststrafe. Später werde ich das etwas revidieren, denn an diesem Berg sind die Raquetas sicher keine schlechte Lösung.

Durch tiefen Neuschnee zum „Campo Italiano“

Nach einem Abstieg und einer Gletscherquerung wartet ein ca 300 m hoher ca 45° steiler Hang, wo wir trotz Schneeschuhen bis zu den Knien im sumpfigen Neuschnee versinken. Wir steigen die Begrenzungsfelsen in leichter Kletterei hoch. Am Grat wird der Wind immer stärker und das Wetter verschlechtert sich. Einen halbwegs windstillen Platz für eine Rast suchen wir umsonst. Nach einer langen ausgesetzten Querung erreichen wir bereits am Nachmittag das Campo Italiano, wo der Sturm so richtig tobt. Alex und ich steigen nochmals ab um am Grat von den Chilenen zurückgelassene Ausrüstung und die Pulkas zu holen, während die Kameraden die Lagerplätze vorbereiten. Wiederum spät nachts erreicht auch der letzte Träger das Lager mit dem gefriergetrockneten Travellunch, unserer Hauptnahrung für die nächsten Tage auf dem patagonischen Inlandeis. Ab morgen geht es nun ins Innere des Patagonischen Eisfeldes. Wir sind nun voll auf uns alleine gestellt unterwegs auf dem patagonischen Inlandeis - el campo hielo norte, wo sich unser Berg befindet.

Allein unterwegs ins Innere des Patagonischen Eisfeldes
Im „puro ritmo latino“ dauert das Packen nach dem gestrigen Sturm lange. Die gesamte Ausrüstung, Essen und Brennstoff für 8 bis 10 Tage werden in den Rucksäcken und auf vier Pulkas verstaut. Wir wollen so wenig als möglich aber so viel als nötig mitnehmen - eine schwere Entscheidung. Wir starten in Richtung Campo Hielo Norte. Das Wetter schaut prächtig aus und wir überlegen, ob wir mit einem Lager auf dem Eis bis zum Gipfellager des San Valentin kommen. Steil geht es auf den ersten Pass, den Paso Cristal o Paso Moncho 2300m , welcher zwischen dem Cerro Cristallo und dem Cerro Moncho (kopflos) liegt. Dort verwerfen wir unseren Plan mit dem einen Lager im Eis. Ist doch der Abstieg nach dem Pass deutlich länger und schwieriger als aus den Erzählungen der Einheimischen. Gletscherbrüche versperren den direkten Weg. Nach dem schweisstreibenden Abstieg auf das wirkliche Eisfeld traversieren wir dieses. Die Ausblicke auf die umliegenden Berge sind einfach fantastisch.

Unendliche Weiten und unbekannte Gipfel

Ich war schon in fast allen großen Gebirgen der Welt unterwegs aber diese unendliche Weite und vor allem die Abgeschiedenheit und Einsamkeit hier sind einfach genial - obwohl Hilfe von außen gibt es auch keine.  Nach der langen Traversierung ist der steile Anstieg zu einer engen Felsscharte eine willkommene Abwechslung, wenn sich auch die Pulka und der Rucksack ganz schön anhängen. Wieder öffnet sich eine neue Geländekammer und unendlich große Gletscherflächen aus denen unbekannte und teils unbenannte Gipfel ragen.  Zeitbedingt errichten wir um 19.00 Uhr mitten auf dem Gletscherfeld unser heutiges Lager.

Erster Blick auf den San Valentin

Nach einer ruhigen Nacht am nächsten Morgen wieder herrliches Wetter. So schlecht ist das Patagonische Wetter ja gar nicht denk ich mir. Ein weiterer Pass steht bevor. Mühsam ziehen wir abwechslungsweise die Pulkas auf diesen Pass ohne Namen. Immer wieder öffnen sich mächtige Spaltenzonen und mahnen zur Vorsicht. Am No Name Pass auf ca. 2300m, bis jetzt haben wir im ständigen bergauf und bergab kaum Höhe gemacht, sehen wir den San Valentin zum ersten Mal in seiner vollen Größe. Was für ein Anblick. Es ist ein grandioser, mächtiger Berg - aber leider noch weit entfernt.

Elende Schinderei über einen der am schnellsten fließenden Gletscher der Erde

Nach einer kurzen Pause steigen wir wieder ab bzw. traversieren auf den San Rafael Gletscher, die größte Gletscherfläche des Nord Patagonischen Eisfeldes , die am Monte San Valentin seinen Anfang nimmt und westlich davon in die Laguna San Rafael in den Pazifik mündet. Er zählt zu den am schnellsten fließenden Gletschern der Erde. Diese Gletscherfläche nehmen wir heute noch in Angriff. Rucksack und Pulkas hängen sich unerbittlich an. Ab und zu verfluche ich diese elendige Schinderei, mache mir aber dann mehr Sorgen ob das Wetter morgen noch aushalten wird. Ohne viele Worte stapft jeder so vor sich hin. Wir haben uns in drei Seilschaften mit etwa dem gleichen Tempo aufgeteilt. Schön langsam rückt der Berg näher.

Letztes Lager eine Stunde vom Ziel entfernt

Mächtige Seracs hängen an seinen Flanken.  Auf etwa 2.970m halbwegs geschützt von einem Felsriegel der aus der Gletscherfläche ragt schlagen wir unser Campo Final (C4) auf. Es liegt mit ca. zwei bis drei Kilometer Sicherheitsabstand bzw. eine Stunde vom Berg entfernt. Das Lager errichten wir schon absolut sturmfest. Morgen soll das Wetter bis Mittag noch halbwegs stabil sein, ab Mittag sind aber im Gipfelbereich bereits Windgeschwindigkeiten von 80 bis 100 kmh als Vorboten einer massiven Schlechtwetterfront vorausgesagt. Wir sind auf eine längere Schlechtwetterperiode eingestellt, hoffen aber vorher noch den Gipfel zu erreichen. Danach brauchen wir eh Ruhetage. Normal beträgt der Anmarsch hierher acht bis zehn Tage. Wir haben es in fünf Tagen geschafft. Der untere bzw. mittlere Teil der Aufstiegsroute auf den Gipfel ist von hier bereits gut einsehbar und sollte kein Problem darstellen. Ca. 45-50 Grad steile Eisflanken und ein durch die Winde blankgefegter wahrscheinlich stark überwächteter Grat führen ins obere nicht einsehbare Gletscherbecken.

Abends besprechen wir noch den morgigen Gipfeltag packen den Rucksack und erleben wiederum einen Wahnsinns Sonnenuntergang. Hätte ich gewusst dass es der letzte ist, den ich in Patagonien life erlebe, hätte ich ihn noch mehr genossen. Aber zu diesem Zeitpunkt war mir das Kochen wichtiger.

Der Gipfeltag beginnt um zwei Uhr morgens

Am Gipfeltag starten wir um zwei Uhr in der Nacht die Kocher. Es ist nicht wie angesagt und gehofft ein sternenklarer Himmel, sondern wolkig und windig. Den Start verschieben wir und verlassen das Camp erst um ca. halbfünf Uhr. In der mit Nebel gespickten Dunkelheit stapfen wir wieder in drei Seilschaften durch den Neuschnee in Richtung Einstieg zum Grat. Die vielen blau schimmernden Stellen am Zustieg zum Grat erweisen sich doch schwieriger als angenommen. Schon bald können wir nicht mehr am kurzen Seil gehen und richten ein "running belay" von Schraube zu Schraube ein. Der Wind wird stärker und das Eis härter. Langsam aber sicher kommen wir voran und erreichen einen kleinen Felssporn am Grat, welcher uns wenigstens ein bisschen Schutz vor dem Wind gibt.

Schlechtwetterfront rückt bedrohlich schnell näher

Reinhard  beendet hier den Versuch. Mit dem Chilenen Eugenio kehrt er um. Wir überlegen. Sorgen macht mir das Wetter. Der Wind nimmt zu und die Schlechtwetterfront rückt bedrohlich schnell näher.  Ich gehe den folgenden Verbindungsgrat zu einer Eisfläche vor der eigentlichen Gipfelflanke alleine weiter und suche den Weiterweg in der Hoffnung, dass mir meine Kameraden folgen. Kurz überlege ich, einfach weiterzugehen um möglichst rasch den Gipfel zu erreichen, verwerfe diesen Plan aber schnell. Der Aufstieg über den Grat ist mir wegen des Sturms zu gefährlich und der Anstieg über die von Spalten durchzogene Gipfelflanke geht unangeseilt sowieso nicht.

Noch 350 Höhenmeter – Gletscherspalte versperrt Weg zum Gipfel

Axel mit Karl und Elisabeth folgen nun ebenso wie Javier mit Anja und Hans. Der Wind nimmt stetig zu und es bilden sich hinter uns über dem Grat die drachenartigen und überhaupt nicht ruhig stimmenden Wolken. Ca 350 Höhenmeter trennen uns noch vom Gipfel. Javier, Anja und Hans entscheiden sich, hier abzusteigen.  Zu viert steigen wir weiter  - Axel, Karl ,Elisabeth und ich. Bald versperrt uns eine doch ganz schön beachtliche Gletscherspalte den Weg. Axel springt voll motiviert kurzerhand drüber, ebenfalls Karl. Elisabeth, mit 1,50m gleich hoch wie die Spalte breit, haben wir in die Mitte genommen. Nie und nimmer springt sie da rüber.

Sturz in die Spalte: Dann bleibst halt da…

Das ist die zweite Möglichkeit, ruf ich ihr im Sturm zu. Das pickt. Die Motivation ist größer als die Angst. Kurzerhand springt sie und landet im prompt im Loch. Axel und Karl haben sie mit einem Zug schnell wieder heraus gezogen. Mir geht’s nicht anders. Mir bricht beim Sprung der Spaltenrand weg und ich schaue ebenfalls ins unendliche Dunkel des Patagonischen Eises, bin aber ebenso schnell wieder aus der Spalte.

Im tobenden Sturm kriechend auf den Gipfel

Wir erreichen die Gipfelflanke. Dort bläst der Wind so stark, dass es Elisabeth dreimal auf den Boden wirft und uns immer wieder einige Meter versetzt. Hätte einer gesagt umdrehen, wir hätten wahrscheinlich umgedreht. Im Sturm kommen wir eigentlich zu langsam voran. Immer wieder müssen wir uns gegen Böen von 80 bis 90Kmh stemmen. Gemeinsam erreichen wir den letzten kurzen steilen Gipfelaufschwung. Einzeln meistern wir den Gipfelaufschwung und kriechen im tobenden Wind zum Gipfel. Es ist gigantisch, der Rundumblick einfach grandios. Ganz klein erkennen wir auf dem Eisfeld unser Camp.

Zurück zum Camp

Doch richtige Freude und Erleichterung kommen nicht auf, da in den Wolken bereits die kommende Feuchtigkeit deutlich zu erkennen ist. Ein Paar Fotos  werden gemacht und sogleich machen wir uns wieder an den Abstieg. Nun über die nicht so spaltenreiche Gratflanke um den Spaltensprung zu vermeiden steigen wir so schnell als möglich zum Verbindungsgrat ab , queren diesen zum schon bekannten Felssporn an dem man halbwegs windgeschützt ist. Dort verweilen wir kurz, trinken und Essen etwas und steigen auf der Aufstiegs Route zurück zu unseren Zelten, welche nun bereits in den Wolken verschwunden sind.

Erst jetzt wird es mir klar, dass ich auf dem höchsten Berg Patagoniens stehen durfte. Nicht vielen Bergsteigern war dies bis jetzt vergönnt. Die Strapazen den Anmarsch so schnell als möglich durchzuziehen haben sich ausgezahlt. Dies war aber nur durch die Hilfe der Chilenen auf den ersten Etappen, das gute Wetter der letzten Tage, und durch die gute Zusammenarbeit  aller möglich.

Drei Tage im Schnee festgehalten

Der nächste Morgen ist wie erwartet einfach weiß, windig und schneereich. Wir sind froh, den Gipfeltag vor dem Wetterumbruch hinter uns zu haben. Aus einem eintägigen Ruhetag auf dem Eisfeld werden drei volle Tage mit Schneeschaufeln - es hat insgesamt zwei Meter Neuschnee gegeben - Essen und Schlafen. Wobei dem Essen mit Blick auf den Vorrat immer weniger Gewicht gegeben wird. Alle 2-3 Stunden müssen wir unsere Zelte freischaufeln. Auf eine Warmfront folgt begleitet von einem heftigen Gewitter eine Kaltfront mit so richtig Schnee. Der Wind pfeift unüberhörbar. Über das Satelliten Telefon bekommen wir immer wieder die Wettervorhersage und die schaut nicht wirklich rosig aus. Uns geht das Essen und das Gas schön langsam aus und zurück müssen wir ja auch noch.

Einsatztaktik am Rückweg

Erst am vierten Tag lässt es das Wetter einigermaßen zu, dass wir aufbrechen können. Schon beim ersten Gegenanstieg auf den No Name Pass und vor allem beim Abstieg durch eine richtig fette Spaltenzone sind wir wieder im Schneesturm unterwegs. Wir gehen wieder in drei Seilschaften. Die Taktik ist: Axl geht mit dem GPS ohne Pulka vor, macht die Spur und zieht das Tempo an. Wir schauen, dass wir mit den Schlitten irgendwie nachkommen. In den drei Tagen konnten wir uns trotz des fast stündlichen Schneeschaufelns im C4 gut erholen und so geht es trotz des Sauwetters gut voran. Wir überspringen das Lager 3.

Hoffentlich kein zusätzliches Lager mehr

Nach dem Abstieg zum Eisfeld lässt der Wind etwas nach dafür wird der Schnee feuchter und bremst den Schlitten. Nur mehr langsam kommen wir am Eisfeld voran, immer den 400Hm steilen Gegenanstieg zum Paso Moncho auf 2.300m vor Augen. Ich denke mir, hoffentlich kommt nicht irgendwer auf die Idee hier nochmals ein Lager zu machen. Vor allem auch deswegen, weil das Wetter ja noch schlechter werden soll. Solls Dunkel werden egal, aber Axel denkt eh gleich. Vor dem Aufstieg zum Passo Moncho übernimmt er auch eine Pulka, so das Karl und ich uns abtauschen können. Der Aufstieg im Nebel und Wind ist ein einziger Kampf mit dem Schlitten. Nach oben wird’s immer steiler und eisiger. Langsam erreichen wir die flachere Gletscherfläche, sehen tun wir schon lange nichts mehr. Und ohne aufgezeichneten Track ginge gar nichts. Am Passo Moncho reißt der Wind kurz die Wolken auf und wir sehen hinunter ins Camp Italiano. Nochmal konzentrieren für den Abstieg - geschafft.

Begleitet vom Wind und Schneeregen überspringen wir am nächsten Tag nochmals ein Lager und gelangen so nach einem weiteren langen Tag zum Lago Leon hinunter. Mit schmerzenden Schultern, ich weiß schon nicht mehr wie ich den Rucksack tragen soll, erreichen wir den See. Am nächsten Morgen geht es mit dem Boot retour. Nochmals schultern wir die Rucksäcke und gehen das Leonestal hinaus. Endlich am Auto wird alles nur hingeworfen „einfach nur geschafft“ Die nächsten Tage ist nur Relaxen angesagt.

Una buena Dosis de suerte

Diese Expedition zum San Valentin wird mir, weil es eine "wirkliche" und irgendwie eine ganz spezielle Expedition in eine abgelegene und komplett menschenfeindliche Gegend war, immer in Erinnerung bleiben. Der größte Erfolg ist nicht der Gipfel, sondern das wir alle wieder gesund nach Hause fahren können. Denn neben Durchhaltevermögen , Leidensfähigkeit und einer gewissen Gelassenheit es so zu nehmen wies eben ist, hatten wir vor allem auch „una buena Dosis de suerte“ das sich immer alles ausgegangen ist, wie wir es geplant haben.

Bericht und BIlder: Bernd Tritscher

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