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Gedanken eines Philosophen: Orientierung!

Philosph und Bergretter Jens Badura macht sich Gedanken über Orientiert-Werden und Selbstorientierung.

(c) Archiv: C. Weesjes

Autor: Jens Badura ist habilitierter Philosoph, Kulturproduzent und Publizist sowie admin. Bergretter. Er leitet das berg_kulturbüro in Berchtesgaden, lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und forscht am Institut Kulturen der Alpen der Uni Luzern.

Orientierheit(en)

Die Welt gibt uns nicht vor, wie wir uns in ihr zurechtzufinden haben. Diesen Befund realisieren zu müssen ist Teil derjenigen Grunderfahrungen, die man als Mensch eher früher als später macht. Damit verbunden ist dann schnell auch die Frage, woran man sich denn ohne eine solche vorgegebene Geordnetheit der Welt orientieren kann und soll, um der individuellen wie auch kollektiven Existenz eine sinnvolle Form und eine zielführende Richtung zu geben.

Hilfsmittel für solche Orientierungsherausforderungen hat die Menschheit reichlich hervorgebracht. Das reicht von den komplexen Werte- und Normensystemen für existentielle Angelegenheiten bis hin zu den kleinen Hilfsmitteln, die wir im praktischen Alltag benötigen – auch am Berg: dort etwa in Form von Kartenmaterial, markierten Wegen, Bewertungen von Kletterrouten oder Klassifizierungen von Hütten. All diese Hilfsmittel orientieren uns, indem sie vermitteln, was wir zu erwarten haben, wenn wir ein bestimmtes Ziel (Seelenheil oder Gipfelbier; Biwakschachtel oder Wellnesshotel) erreichen wollen – und was wir dabei zu tun bzw. worauf wir zu achten haben, um das Vorhaben zu verwirklichen.

Nun ist mit Blick auf „Orientierung“ zu unterscheiden zwischen einem solchen Orientiert-Werden durch entsprechende orientierende Ratgeber, Apps, Experten, Gebote oder Verbote. Und einer Selbstorientierung, bei der man sich in Eigenregie in das Spannungsdreieck von Standortbestimmung, Zielbestimmung und Ermittlung von Zielerreichungsoptionen begibt und nicht den vermeintlich gebotenen Pfaden folgt. Anders gesagt: Wo man den Mut hat, sich des eigenen Orientierungsvermögens zu bedienen.

Wenn wir uns heute umschauen, dann herrscht definitiv kein Mangel an orientierenden Strukturen und mehr oder weniger verführerischen Angeboten, die in als orientierungsbedürftig erfahrenen Zeiten dazu einladen, sich aus den Unübersichtlichkeiten der Gegenwart sanft hinausgeleiten zu lassen. Kurz: Wir führen zunehmend ein Leben entlang von markierten Wegen.

In den Bergen zeigt sich diese Entwicklung buchstäblich. Und sie beschränkt sich nicht nur auf die schlichte Wegmarkierung im engeren Sinne, sondern umfasst eine große Palette von Weltbedienungsanleitungen, die unseren Blick lenken sollen: Dank konsequenter Schild- und Appwaldaufforstung bleibt man stets gut darüber orientiert, was uns der Moment, normkonform erfahren, an Wesentlichkeiten zu bieten hat.

Doch wollen wir auch in den Bergen die allgegenwärtige Unterweisungskultur des gesellschaftlichen Normalbetriebs erleben - infrastrukturell eingehegt von multiplen Geh- und Sehanleitungen? Oder wollen wir nicht gerade dort jenem eigenwilligen Ruf ins Ungewisse folgen, der uns zuweilen auch einmal vom rechten Weg abkommen lässt, um uns genau dann, in solcherart unbeschilderten Lebensmomenten, als selbstorientierendes Wesen zu spüren?

Weitere Texte unter Macht der Bilder

www.bergkulturbuero.org

 

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