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Frauenanteil in der Bergrettung mit fünf Prozent noch gering

Deutsche Sporthochschule Köln beleuchtete in einer aktuellen Studie die Rolle der Frau im Österreichischen Bergrettungsdienst (ÖBRD) – Geringer Frauenanteil hinterfragt –- mehr Toleranz und ein Generationenwechsel kann Vorurteile über klassische Rollenverteilung abbauen und ein Umdenken bewirken - Frauen verbessern Klima in der Bergrettung

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Im Herbst 2019 wurden für die Studie 244 Bergretterinnen und Bergretter im Alter von 17 bis 78 Jahren befragt. Die freiwilligen Helfer stammen aus Salzburg, Vorarlberg, Niederösterreich, Kärnten und Tirol und sind Anwärter, fertige Bergretter oder auch Ausbildner.

Die Bergrettung in Österreich besteht seit mehr als 100 Jahren, sie wurde 1896 gegründet. Erst seit den 1990er Jahren wurden Frauen zugelassen. Ihr Anteil steigt kontinuierlich, aber langsam. Im Jahr 2018 zählte die Bergrettung rund 13.000 Mitglieder, der Frauenanteil betrug mit 716 nur fünf Prozent.

Die Autoren der Studie suchten nach Antworten auf die Frage, warum der Frauenanteil nicht höher ist und welchen Einfluss Frauen auf die Bergrettung ausüben. Schließlich wurden Lösungsansätze zur Diskussion gestellt.

Hier eine verkürzte Wiedergabe von Ergebnissen aus der Studie:

Pro

92 Prozent der Befragten gaben an, dass Frauen eine bessere Performance des Teams bewirken, aufgrund anderer Sichtweisen, Ideen,  Herangehensweisen und überlegtem Handeln. Die überwiegende Mehrheit (77 Prozent) meinte, Frauen verbessern das Klima. 18 Prozent erklärten, der Teamgeist in den Ortsstelen ist größer und der Umgangston weniger rau, wenn Frauen dabei sind. Sie sorgen durch ihre weibliche Intuition für einen positiven Einfluss auf die Gruppendynamik (32 Prozent). Frauen haben durch ihre sozialen Kompetenzen bei der medizinischen Betreuung von Verletzten einen besseren Zugang, ein besseres Einfühlungsvermögen und mehr Empathie besonders bei Kindern und Angehörigen (48 Prozent). Die physischen Voraussetzungen sind kein Problem für Frauen (35 Prozent). Frauen sind meist konditionell besser (22 Prozent). Durch Frauen kommt es zu höheren Mitgliederzahlen, damit sind der Nachwuchs und das Ehrenamt gerettet (Zehn Prozent).

Contra

Allerdings gab die Mehrheit der Befragten an, dass Frauen gewisse physische Voraussetzungen fehlen. 32 Prozent erklärten, Männer haben mehr Kraft. 26 Prozent der Befragten gehen von einer negativen Beeinflussung der Gruppendynamik durch Frauen im Team aus. Für 17 Prozent ist die körperliche und seelische Belastung für Frauen zu hoch. 14 Prozent erklärten, reine Männergruppen haben Vorteile, da Themen direkt angesprochen werden, es keine Streitigkeiten und einen sachlicheren und unkomplizierteren Umgang untereinander gibt. Elf Prozent äußerten einen „Zickenalarm. Es kommt zu Eifersucht, Spannungen und Balzverhalten der Männer (fünf Prozent). Es gibt ausreichend weibliche Mitglieder und die effektive Arbeit wird von Männern erledigt, die auch ein besseres technisches Verständnis haben (drei Prozent).

Nur drei Prozent der Befragten wünschen sich mehr weibliche Mitglieder, 16 Prozent waren dagegen und 81 Prozent machten dazu keine Angaben.

Suche nach der Ursache des geringen Frauenanteils, geschichtlicher Hintergrund und Diskussion

Die Autoren ziehen folgende Schlüsse aus der Studie: „Die Vergangenheit trägt laut den Ergebnissen einen großen Anteil an der derzeitig noch unausgeglichenen Frauensituation in der Bergrettung.“ Frühere Denkweisen, die noch in den Köpfen vieler verankert seien, würden anhand den Resultaten dieser Studie deutlich. „So wird beschrieben, dass in der Vergangenheit der Bergsport stets als Männersport gesehen und praktiziert wurde. Diese Meinung wird teilweise heute noch geteilt. Eigenschaften wie Mut und Stärke wurden dem Alpinismus zugeschrieben. Die Annahme, Frauen würden sich durch die Betätigung am Berg nur selbst schädigen, wurde als Rechtfertigung für diese Frauenverweigerung genutzt.“ Dass diese Ansichten noch immer aktuell seien, zeigten die Aussagen der durchgeführten Studie. „Die klassische Rollenverteilung, die teilweise noch wie ein unausgesprochenes Gesetz in der gesellschaftlichen Meinung vertreten ist, verstärkt ebenfalls die geringe Frauenbeteiligung in der Bergrettung.“ Mittlerweile würden sich auch immer mehr Männer um das Familienleben kümmern. „Jedoch scheint die unausgesprochene Erwartung der Kinderbetreuung noch in den Aufgabenbereich der Mütter zu fallen. Schwangerschaften und das Risiko, nach einem Unfall nicht mehr für die Kinder da sein zu können, kann laut den Angaben der Probanden ebenfalls als ein abschreckender Punkt für Frauenbeteiligung verstanden werden.“

Ein weiterer Punkt für den geringen Frauenanteil sind laut den Ergebnissen dieser Studie die Vorurteile auf beiden Seiten. So wird den Frauen mangelnde Fähigkeiten in Bereichen der Kraft und Ausdauer vorgeworfen, zudem würden sie alles nur „komplizieren“.  

Auf der anderen Seite wird den Männern nachgesagt, durch „Machogehabe“ die Frauen beeindrucken zu wollen und so eine streitgeladene Atmosphäre zu schaffen.

Dass diese Vorurteile noch Bestand haben, liege auch an der mangelnden Erfahrung des gegenseitigen Miteinanders der Geschlechter in der  Bergrettung. Ganz nach dem Motto „kenn ich eine, kenn ich alle“ werde generalisiert. Doch aufgrund der mangelnden Beteiligung der Frauen in der Bergrettung werde beiden Geschlechtern kaum die Möglichkeit gegeben, diese Vorurteile zu beheben.

Männerdomäne wirkt abschreckend

Auch lassen die Ergebnisse der Studie vermuten, so die Autoren, dass die Vorurteile gegenüber dem anderen Geschlecht bei einigen Frauen zu falschen Selbsteinschätzungen führen. Sie würden die eigenen Fähigkeiten unterschätzen und sich eine Teilnahme an der Bergrettung nicht zutrauen. Die Männerdomäne wirke abschreckend auf die unerfahrenen Frauen, das würde sie an der Bewerbung hindern. Eine Teilschuld sei häufig den Ortstellen zugeschrieben worden, die mit ihrer teils Frauen gegenüber geschlossen eingestellten Meinung die Partizipation erschwerten.

Ausblick für die Zukunft

Um die derzeitige Situation zu ändern müsse es laut den Autoren der Studie zunächst zu einer Veränderung in den Köpfen der Bergretter und der Gesellschaft kommen. Objektive Berichte könnten helfen, auch die Alteingesessenen zu überzeugen, ihre Ortsstellen zu öffnen und Frauen gegenüber toleranter zu werden. Je mehr Frauen in der Bergrettung seien, desto schneller könne durch die steigende Kontakthäufigkeit der Geschlechter untereinander die Denkweise geändert und die Vorurteile abgebaut werden. „Auch das Aufzeigen der positiven Faktoren, welche Frauen zu einem guten Gruppengefüge beisteuern können, kann helfen, die Vorurteile zu minimieren und so den Weg für Frauen in der Bergrettung begradigen.“

Es müsse auch durch Publikation deutlich gemacht werden, dass ein Team erst in der Vielfalt seiner MitgliederInnen die volle Leistungskraft entwickeln könne. „Alle bringen Kompetenzen mit, die der Mannschaft zu Gute kommen.“ 

Eine Kampagne für die aktive Generierung von Anwärterinnen würde ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Zahl der Bergretterinnen haben, da häufig die mangelnde Akquise und ein fehlendes Bewusstsein in der Gesellschaft über Bergretterinnen bemängelt werde. „Eine Möglichkeit hierfür kann in den digitalen Medien und sozialen Netzwerken gefunden werden. Die Jugendlichen von heute sind die erfahrenen Bergretter von Morgen.“ Über eine höhere mediale Präsenz wäre man in der Lage, viele Jugendliche zu erreichen.

Auch könnten sich Änderungen in den Ausbildungsrichtlinien positiv auf die Frauenquote auswirken, meinen die Autoren. „So könnten unter anderem Softskills, Kommunikationsfähigkeiten und Konfliktmanagement mit in die Inhalte eingebaut werden, welche laut der Studie vermehrt bei dem weiblichen Geschlecht ausgeprägt ist.“ Die Technik- und Kraftkomponente dürfe nicht vernachlässigt werden, doch durch gute Kommunikation und eine verbesserte Teamfähigkeit könnte eventuell die Effizienz und Umsetzung des Geplanten gesteigert oder verbessert werden.

Denkweisen zu ändern benötige aber Zeit. „Zu hoffen ist, dass ein Generationenwechsel diesen Trend bestärken wird und das Umdenken der Gesellschaft den Frauen die Chance gibt, in der Bergrettung aktiv zu sein. In einer Gesellschaft, in der das Ehrenamt stetig abnimmt,…, sollte sich jede Organisation über motivierte MitarbeiterInnen freuen und sie nicht mit dem Verweis auf ihr Geschlecht zurückweisen. Nur so wird der seit den letzten Jahren stetig steigende Trend im Bergsport auch in Zukunft eine sichere und freudvolle Angelegenheit bleiben.“

Die Studie wurde erstellt von:
Pauline Block, Jasmin Luh, Kathrin Luh, Amrei Müller (Deutsche Sporthochschule Köln, Abt. Gesundheit und Sozialpsychologie, Psychologisches Institut)

Bilder: J. Schiefer / LMZ F. Neumayr / D. Denger/ Bergrettung Salzburg

248 Geborgene Personen
(2020 aktuell)
333 Einsätze
(2020 aktuell)
1422 aktive Einsatzkräfte
im Land Salzburg (2020 aktuell)