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Bergrettung
 

Macht der Bilder

Bilder haben Macht – denn sie „machen“ etwas mit uns, sie prägen Weltsichten und Überzeugungen, mobilisieren Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Das gilt nicht zuletzt auch für Bilder von Bergen und Bergsport – und hat Folgen für die Art und Weise, wie zeitgenössische Bergsportler_innen sich in den Bergen sehen und was sie dort tun.

 

Bekanntermaßen ist die Macht der Bilder auch dafür nutzbar, den Vorstellungshorizont der Bildadressaten gezielt zu beeinflussen, also durch eine spezifische Bildsprache die Vorstellungskraft anstacheln und zugleich noch vage Phantasien in konkrete Szenarien zu übersetzen. Bilder in diesem Sinne als Kommunikations- und Werbemittel einzusetzen ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal des Bergsports, aber auch dort viel genutzt: Die perfekte Powderabfahrt, der spektakuläre Klettersteig, die einsame Wandertour im dramatischen Hochgebirge usw. Dabei finden sich einschlägige Bilder keineswegs nur in den Broschüren der Bergsportindustrie oder des Tourismusmarketings: die Bildsprache der Werbung mit ihrer Inszenierungsästhetik setzt sich mehr und mehr auch in anderen Kommunikationskontexten wie jenen der alpinen Vereine durch, einmal ganz abgesehen von den neuen Ambiente-Alpen-Leitmedien à la Bergwelten, Servus & Co.

 

Zunahme Notlagen Berg

Neuere Unfallstatistiken im Bergsportkontext zeigen, dass insbesondere die Zahl der Notlagen ohne Verletzungsursachen („Blockierungen“) deutlich zugenommen hat. Eine Entwicklung, die in vielen Fällen auf fehlende Erfahrung, mangelnde Selbsteinschätzung zurückzuführen und mithin auf einer Spanne zwischen Naivität und Fahrlässigkeit anzusiedeln ist. Sicherlich lässt sich nicht ohne weiteres eine direkte Verbindung zwischen der medial-visuellen Omnipräsenz oben genannter Erlebnisversprechen und dem Wagnisverhalten der Erlebnissuchenden herstellen. Dennoch liegt es nahe, die Ursachen dieser Entwicklung auch mit der Macht der Bilder zu erklären, die das Gipfelerlebnis, den prestigeträchtigen Steilhang oder das Klettersteigabenteuer quasi abgekoppelt von den dazu nötigen Fähigkeiten in die Köpfe pflanzen – und eine Haltung des „das will ich auch mal am nächsten Wochenende machen“ befördern.

 

Mehr Unterstützung Freiwilligenarbeit?

Dass Werbestrategen die Bergwelt zur Kulisse für die Inszenierung von käuflichen Erlebnisversprechen machen, damit Menschen ansprechen, welche diese Erlebnisse dann „konsumieren“ wollen und der Tourismuswirtschaft, Ausrüstungshersteller wie auch begleitenden Branchen ein ansehnliche Einnahmen bescheren ist eine Sache. Dass aber die Folgen dieses Erlebniskonsums nicht ebenfalls wesentlich durch diese Akteure übernommen werden ist eine andere – und hier sind nicht nur die bekannten Folgen gemeint im Sinne von Umwelteingriffen wie Aufstiegshilfen, Kunstschneelogistik oder die Gestaltung von ganzen Gegenden in Ambiente-Dienstleistungszonen. Sondern auch jene Folgen, die aufgrund von Selbstüberschätzung am Berg entstehen und für die in letzter Konsequenz die Bergrettung zuständig ist.

Deshalb die Frage: Wäre hier nicht angezeigt, dass die genannten Bergboom-Stakeholder entsprechendes Engagement zeigen und zumindest mit ausreichenden finanziellen Unterstützungen dafür sorgen, dass die Bergrettung als Freiwilligenorganisation ohne zusätzliches aufwendiges Fundraising ihre Arbeit unter bestmöglichen infrastrukturellen Bedingungen und mit entsprechendem Equipment leisten kann? Und dass auch die alpinen Vereine, die sich ja als Advokaten eines verantwortungsbewussten Bergsports sehen, etwas selbstkritischer über die Macht der Bilder nachdenken, die sie ins Werk setzen?

Es gäbe viele weitere Fragen – sicher aber ist, dass in dem Maße, in dem die Berge mehr und mehr zur Bühne einer hyperaktiven Erlebnisgesellschaft werden, die Frage nach der Verantwortung für die Konsequenzen dieser Entwicklung eine ist, die neu verhandelt werden muss.

 

Selbstkritische Reflexion

Und wären nicht gerade auch jene gemeinnützigen Organisationen, die sich einem verantwortungsvollen Bergsport verschreiben, gefragt, ihre Rolle bei der Produktion von möglicherweise problematischen Erwartungshorizonten zu hinterfragen und ggf. auch ihre Bildsprachen selbstkritisch einer Revision unterziehen – denn auch Bergauf (ÖAV), Panorama (DAV) oder Die Alpen (SAC) verwenden ein Bildvokabular, das dem oben beschrieben Muster folgt und diverse Alpinismusklischees bedient. So sehr es aus Sicht der Vereine auch verlocken mag, die eigene Mitgliederstatistik im aktuellen Outdoor-Boom mit dieser Art von Attraktionsstrategie zu verbessern. Das mag angesichts des aktuellen Outdoor-Trends auf kurze Sicht dazu führen, dass sich diverse Neumitglieder werben lassen.

Auf längere Sicht aber ist diese Entwicklung fatal und sicher nicht das, was die alpinen Vereine zum Ziel haben können – denn ein verantwortungsvoller Bergsport benötigt weltoffene Achtsamkeit und nicht Fixiertheit auf vorgegebene Vorstellungsbilder, auf die hin die Bergkulissen und die Bergsportakteure dann zugerichtet werden. Gerade deshalb wären die alpinen Vereine gefordert, eine Bildsprache zu mobilisieren, die die Vielfalt der Möglichkeiten des Sehens erfahrbar macht und dominierende Vorstellungsbilder von Bergen und Bergsport (selbst-)kritisch reflektiert.

 

Autor: Jens Badura. Er lehrt Philosophie an der Zürcher Hochschule der Künste und ist Mitglied der Bergrettung Salzburg/Ortstelle Salzburg Stadt.

 

Fotos: Bernd Kranabetter, Sepp Schiefer, Maria Riedler