Wenn Kinder trauern

  • Foto: Lug Rasser/Bergrettung Rauris
  • Foto: Christoph Mitterer/Bergrettung Saalfelden

„Lawinenunglück machte zwei Kinder zu Vollwaisen“, „Bergretter nehmen geschockten Sohn in Obhut“ – bei den Verunglückten handelt es sich um gesunde und meist junge Menschen, die völlig unvermutet aus ihren Familien gerissen werden. Kinder erleben den Verlust eines nahestehenden Menschen oft ganz anders als die Erwachsenen. Je nach Altersstufe gehen sie sehr unterschiedlich mit dem Verlust um.

Fehleinschätzungen

• Kinder sollen die Umstände eines Todesfalles nicht mitbekommen
Kinder haben meist sehr große Angst vor allem um noch lebende Angehörige (Beschützerinstinkt). Kindgerechte Informationen geben und die Kinderfragen beantworten ist für die Verarbeitung am zielführendsten.

• Kinder sollen ausgeschlossen werden, denn sie verstehen nicht, was passiert ist.
„Das verstehst du nicht“, „Dafür bist du noch zu klein“ .. sind Sätze, die zur Verunsicherung bei Kindern und in weiterer Folge zu Ängsten und falschen Vorstellungen führen. Oft entwickeln Kinder –für Erwachsene nicht nachvollziehbar- ausgeprägte Schuldgefühle indem sie glauben in irgendeiner Weise Schuld an dem Ereignis zu sein. Diese Schuldgefühle werden verstärkt, wenn den Kindern etwas verheimlicht wird oder sie sich ausgeschlossen fühlen.
 Abschiednahme – nicht mit Kindern
Erwachsene reagieren bei diesem Punkt sehr verunsichert. Häufig gestellte Fragen lauten: „Soll ich meinem Kind das zumuten“ oder „ Die Kinder sollen den Verstorbenen so in Erinnerung behalten, wie er gelebt hat“. Die meisten Kinder wissen und spüren sehr genau, ob sie den Verstorbenen nochmals sehen wollen bzw. ob sie am Begräbnis teilnehmen möchten. Es ist wichtig sie ernst zu nehmen und ihre Wünsche zu respektieren.

• Kinder verkraften Verluste sehr schnell
„Mein Kind hat das ganz gut verarbeitet“ – bereits sehr kurze Zeit nach dem Ereignis hört man diese Aussage oft von den Bezugspersonen der Kinder. Wie soll das gehen? Selbst Erwachsene benötigen oft Jahre (!) zur Aufarbeitung eines Verlustes. Der Verlust eines Elternteiles ist für Kinder ein einschneidendes Erlebnis, das sie in bestimmten Lebensphasen z.B. in der Pubertät sehr belasten kann, auch wenn der Todesfall schon länger zurückliegt. Bei einem stabilen sozialen Umfeld haben Kinder -zum Glück- sehr ausgeprägte Selbstheilungskräfte.

• Kinder trauern nicht richtig
Plötzlicher Wechsel von Traurigkeit zu Spiel und Spaß erscheinen für Erwachsene als Verhaltensweisen, die diese Fehleinschätzung untermauern. Kinder können ihre Gefühle und Gedanken oft nicht richtig benennen bzw. schämen sich, so zu empfinden.

 
Was Kinder brauchen

 Beruhigung
Am Besten hilft man Kindern indem man ihnen Ruhe und Zuverlässigkeit vermittelt. Ebenso wichtig ist auch das Bewahren und Fördern der alltäglichen Rituale sowie das Vermeiden von unnötigen Änderungen im Tagesablauf.

• Sicherheit
Um Sicherheit zu vermitteln sollte den Kindern viel Geduld, Liebe, Aufmerksamkeit und Verständnis entgegengebracht werden. Kindern soll die Möglichkeit gegeben werden durch freies Spielen oder Malen der Trauer Ausdruck zu geben (aber dies darf niemals bewertet werden). Innerhalb der Familie ist es besonders wichtig eine einheitliche Erklärung für die Kinder zu finden. Kinder werden verunsichert, wenn die Oma sagt: „Papa ist auf dem Friedhof“ während die Mutter dem Kind vermittelt: „Der Papa ist im Himmel“.

• Kontrollierbarkeit
Es soll Kindern signalisiert werden, dass sie jederzeit kommen können um zu erzählen oder zu weinen. Auch Erwachsene sollten ihre Trauerreaktionen vor Kindern zeigen, denn dadurch lernen Kinder, dass es wichtig ist die eigene Trauer nicht zu unterdrücken. Kinder ab dem Vorschulalter können ihre Wünsche bereits gut formulieren. Es soll deshalb nicht über die Kinder hinweg entschieden werden. Am allerwichtigsten ist die Aufrichtigkeit gegenüber Kindern. Sie spüren sehr genau, wenn ihnen etwas verheimlicht wird oder ihnen nicht die Wahrheit gesagt wird. Es ist besser ehrlich zuzugeben, dass man selbst keine Erklärung oder Antwort hat.

• Distanzierung (Rückkehr zur “Normalität”)
Für die kognitive Aufarbeitung ist es wichtig den Unterschied zu erklären zwischen schlafen und tot sein. Erwachsene lassen sich oft helfen – von Freunden, Verwandten oder auch Fachleuten. Gespräche mit nahestehenden Menschen helfen Erwachsenen und sind sehr wichtig. Was aber soll z.B. ein 9-jähriges Kind machen? Mit Gleichaltrigen darüber sprechen wie es ihm geht? Fachliche Begleitung von Kindern kann sehr hilfreich sein und muss nicht immer gleich als therapeutische Intervention gesehen werden.

Akutbetreuung
 Viele Einsatzkräfte empfinden ein Gefühl der Hilflosigkeit im Umgang mit Kindern in Extremsituationen
 Kindliche Reaktionen unterscheiden sich von denen der Erwachsenen
 Weinende oder schreiende Kinder können selbst Profis sehr schnell überfordern bzw. ein Gefühl von Hilflosigkeit erzeugen
Um die Unsicherheit unserer Bergrettungskräfte im Einsatz zu vermindern, werden sie in der Akutbetreuung von Kindern psychologisch geschult:
• Kontakt herstellen
• Informationen geben
• Emotionen abfragen
• Dort betreuen, wo sich das Kind sicher fühlt
• Ermöglichen von Aktivität
• Rückhalt geben, Strukturen schaffen

Dr. Johann Kirschner,
Notfallpsychologe des ÖBRD

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