Notfallpsychologie

Erlebtes professionell verarbeiten
Ein Psychologe im Bergrettungsdienst? Und warum ein Notfallpsychologe? – Berechtigte Fragen! An und für sich hat man es als Psychologe vor allem mit den seelischen Problemen und Nöten der Menschen zu tun, also mit ihren Gefühlen, Ängsten, Stimmungen, Süchten usw. Im alpinen Rettungswesen werden die psychologischen Hilfestellungen noch um einige Nuancen „bereichert“: Es geht fast ausschließlich um Verletzungen, zum Teil um schwere Verletzungen, es geht auch um Angst, Verzweiflung, Schmerz und nicht selten um Tod.
Ein Beispiel mag dies veranschaulichen: Eine Frau ist vom Nockstein bei Salzburg abgestürzt – tot! Den Einsatzkräften bot sich ein entsetzliches Bild: durch den Sturz aus ca. 200 Metern Höhe kam der Leichnam der Verunglückten im steilen Gelände am Bergfuß des Nocksteins zu liegen. Der entstellte Torso sowie die anderen sterblichen Überreste wurden von den Bergrettern in einem Leichensack mit Hilfe einer Universaltrage abgeseilt. Ein Routinefall für die Bergretter, hundert Mal geübt, Dutzend Mal erlebt? – Keineswegs! Sowohl für „alte Hasen“ als auch für junge Bergretter (auch solche waren dabei) stellt die Bergung eines toten Menschen immer eine besondere psychische Herausforderung dar.
Belastendes besprechen
Daher versuchte ich mit den Kameraden unmittelbar nach der Bergung in einer sicheren Umgebung (etwa zwei Kilometer vom Einsatzort entfernt), ihre emotionale Belastung auszuloten bzw. zu verringern. Jeder sprach noch einmal über das Erlebte und wie er damit zurechtkommt. Auf diese Art kam zu Tage, dass es auch für andere im Team belastend war. Ich habe die Leute dann noch darüber informiert, dass in den darauf folgenden Tagen Stressreaktionen auftreten können, habe diese charakterisiert und ihnen einige Verhaltenstipps zur Bewältigung dieser Situationen mitgegeben. Drei Tage später haben wir uns dann noch einmal in unserer Ortsstelle getroffen und in vertraulichen Gruppengesprächen über die Gedanken, Gefühle und Reaktionen der Beteiligten gesprochen.
Mangelnde Verarbeitung kann fatal sein
Das Beispiel soll zeigen, dass ich mich in erster Linie um die Stressbewältigung unserer Einsatzleute kümmere. Stress im alpinen Rettungswesen? – Ja! Die Suche bzw. Bergung von verzweifelten, verletzten oder gar toten Bergsteigern bedeutet in vielen Fällen Belastung und Stress. Stellen Sie sich einmal vor: bei den Verunfallten handelt es sich um Freunde, nahe Angehörige oder Kinder. So etwas „steckt man nicht so einfach weg“! Werden jedoch solche belastenden Ereignisse nicht oder nur unzureichend verarbeitet, besteht die Gefahr einer immensen psychischen Belastung, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen kann. Die Palette reicht vom Quittieren der Mitarbeit in der Einsatzorganisation bis hin zur Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit. Die psychologische Forschung spricht in solchen Fällen von einer Post-Traumatischen Belastungsstörung.
Auch Angehörige brauchen psychologische Hilfe
Meine Aufgabe als Psychologe in der Bergrettung besteht aber auch darin, mich um die Angehörigen von Verunfallten zu kümmern. Denn hinter Presse-Schlagzeilen wie „Lawinenunglück macht zwei Kinder zu Vollwaisen“ oder „Bergretter nehmen geschockten Sohn in Obhut“ steht unendliches Leid auf der Seite der Angehörigen bzw. Hinterbliebenen. Sie sind bei einem alpinen Unfallereignis zunächst mit einer enormen Reizüberflutung konfrontiert – die Unfallmeldung, die medizinische Versorgung, der vielleicht schwierige Abtransport und viele andere Dinge, die plötzlich auf Angehörige niederprasseln. Es folgt ein Gefühl der Hilflosigkeit – neben der Trauer können Emotionen wie Resignation und Zorn beobachtet werden. In solchen Fällen ist es ganz wichtig, dass die Angehörigen Informationen erhalten und auftretende Fragen professionell beantwortet werden oder jemand zur Verfügung steht, mit dem sie über ihre Ängste, Gefühle und Gedanken sprechen können. Dabei ist es ganz wichtig, dass alles, was gesagt wird, auch wahr ist, dass also keine Beschönigungen vermittelt werden, aber auch keine belastenden Diagnosen und Prognosen. Das ist nicht nur meine Aufgabe als Notfallpsychologe, auch Bergretter werden für solche Aufgaben speziell geschult.
Es ist uns bewußt, dass wir das Leid und den inneren Schmerz der Angehörigen nicht verhindern können, aber wir können durch die Vermittlung bewährter Strategien die Bewältigung der psychischen Belastungen erleichtern. Die entsprechenden Schulungen werden den Einsatzkräften während der bergrettungstechnischen Aus- und Fortbildung vermittelt. So ist gewährleistet, dass verletzten Personen, aber auch den Angehörigen, bestmögliche Versorgung nach den wissenschaftlichen Erfahrungen der Medizin und der Psychologie zuteil wird.
Herzlichst Ihr
Dr. Johann Kirschner, Notfallpsychologe














