Gruppendynamik bei Bergtouren

Bergtouren im Sommer und Herbst, sowie Schitouren im Winter werden immer mehr als erholsame Auszeit empfunden um den Arbeitsstress abzubauen. Entschleunigung, Rückzug und Erlebnisse in Natur und Gemeinschaft sind wieder verstärkt gefragt. Was soll nun aus bergpsychologischer Sicht beachtet werden?
Unternehmungen in der Gruppe unterliegen 3 Gruppeneinflüssen (soziale Erleichterung, soziales Bummeln, Konformität), die für das erfolgreiche Erreichen eines gemeinsamen Zieles wichtig sind.
a) Unter sozialer Erleichterung versteht man, dass durch die Anwesenheit anderer die individuelle Leistung steigt. Ein Team vermag Leistungen zu vollbringen, die dem Einzelnen nicht möglich sind, da im Team das Urteilsvermögen, die Kontaktintensität, Geschicklichkeit, Informationsspeicherkapazität und die Lernfähigkeit größer sind als beim einzelnen Bergkameraden.
b) Die Mitgliedschaft in der Gruppe ermuntert oft zum Bummeln und zum Faulenzen. Es ist eine unbewusste Neigung nachzulassen, wenn man in der Gruppe arbeitet. Dieses als soziales Bummeln bezeichnete Verhalten nimmt mit der Gruppengröße zu.
c) Konformität ist die Neigung der Menschen, das Gruppenverhalten und die Meinungen anderer Gruppenmitglieder anzunehmen.
Eine Person verhält sich konform, wenn
a. die Aufgabe durch unvorhergesehene Einflüsse schwierig wird
b. die Gruppe einen engen Zusammenhalt aufweist
c. die Gruppenmitglieder als kompetent wahrgenommen werden und die Einzelperson sich inkompetent fühlt
d. die Entscheidung einer Person den anderen Gruppenmitgliedern lautstark bekannt gemacht wird.
Die Konformität birgt die Gefahr in sich, dass das Team der Entscheidung eines Einzelnen folgt bzw. die Entscheidung nicht hinterfragt, wenn der Standpunkt selbstsicher und sehr rasch vertreten wird.
Vor der Tour
Vor der Planung einer großen, schwierigen Tour oder vor einer größeren Auslandsreise sollen mehrere kleiner Touren in den heimischen Bergen durchgeführt werden, um die Teambildung durchzuführen. Die Teambildung erfolgt in 4 Phasen:
1. Forming – Gründung und Orientierung:
Die Teammitglieder erforschen vorsichtig das akzeptable Verhalten, testen formell und informell den Teamleiter und führen freundliche Gespräche
2. Storming – Sturmphase
Widerstand bei neuen Ideen und Methoden sind in dieser Stufe normal. Zwischen den Teammitgliedern bestehen steigende Spannungen und Eifersucht, sowie Verteidigung und Wettkampf. Die Bildung von Cliquen ist ebenso gegeben wie die Anzweiflung jeder Entscheidung
3. Norming – Klärung und Organisation
Das Team arbeitet gut als Einheit und entscheidet, wer für die verschiedenen Aufgaben und Bereiche verantwortlich ist. Die Teammitglieder fühlen sich in der Lage, Kritik frei zu äußern und sind weniger “empfindlich”. Das Team versucht Harmonie zu erreichen und Konflikte zu klären.
4. Performing – Arbeitslust und Produktivität
Die Teammitglieder haben ihre (gegenseitigen) Stärken und Schwächen akzeptiert und bauen auf die Stärken der einzelnen Individuen. Jene Probleme, die das Team betreffen, werden diskutiert und durchgearbeitet. Das Team bewegt sich weg von einer Kultur der Schuldzuweisungen
Für Unternehmungen empfiehlt sich die Norming bzw. Performingphase, da sie in der Stormingphase meist zum Scheitern verurteilt sind.
Während der Tour
Die größte Gefahr aus psychologischer Sicht während einer Tour ist der Ausbruch eines Konfliktes. Ein Ausstieg aus einem Konflikt ist jederzeit möglich, entscheidend ist das Verhalten der „neutralen“ Gruppenmitglieder:
Zuhören: „Dampf ablassen“, Gruppenmitglieder werden ruhiger und entspannter
Nicht Benzin ins Feuer gießen, sondern mit Öl die Wogen glätten
Positive Einstellung zu beiden Konfliktpartnern
Kommunikation wiederherstellen
Versöhnlich und humorvoll reagieren (aber Kontrahenten nicht lächerlich machen)
Sich nicht zum Verbündeten machen lassen
Gesichtsverlust bei den Konfliktparteien vermeiden
Nach der Tour
Erfolg
Das Ziel wurde von allen Teilnehmern erreicht. Ein Erfolg ist natürlich immer positiv und es gibt daher keine Probleme unter den Gruppenmitgliedern, da jeder sein Ziel erreicht hat.
Teilerfolg
Ein Teil der Gruppe erreicht sein Ziel. Es ist nun besonders wichtig in Gesprächen den „sozialen Bruch“ zwischen den Erfolgreichen und Nicht-Erfolgreichen zu verhindern. Gelingt es nicht, kann das Team daran zerbrechen.
Misserfolg
Ein Misserfolg führt zur Frustration, insbesonders, wenn hohe monetäre Mittel und viel Zeit in die Unternehmung investiert wurde. Die Stimmung in der Gruppe wird ungemütlich. Die negativen Gefühle richten sich gegen jeden. Dieser potentiellen Gefahr wollen viele entfliehen, indem ein Sündenbock gesucht wird. Seine vermeintlichen oder tatsächlichen „Fehler“ werden zum Gegenstand von Tratsch und Gerüchten. Man versucht –zunächst versteckt- das Opfer auszuschließen. Gerüchte z.B. über das Privatleben oder Erinnerungen an zurückliegende „Fehler“ dienen dazu, den Schuldigen weiter in Verruf zu bringen. Es erfolgen wiederholt Demütigungen oder Beleidigungen durch Worte, Tonfall oder sogar durch Zeitungsartikel. Ein unbeschwerter Umgang innerhalb des Teams ist kaum mehr möglich und einige Mitglieder werden die Gruppe verlassen.
Ich wünsche allen Unterstützern der österreichischen Bergrettung bei ihren Unternehmungen viel Glück, Gesundheit und Erfolg. Neben Wetterverhältnissen, Kondition, bergsteigerischem Können und der Ausrüstung soll auch die Gruppendynamik nicht vergessen werden.
Dr. Hans Kirschner
Notfallpsychologe des ÖBRD Salzburg














