Rasterfahndung von Lawinenlangzeitverschütteten
Zusammenführung von Methoden und Erfahrungen
Erstmalig in Österreich wurde bei einem Lawineneinsatz in Prägraten am Großvenediger in Osttirol Erfahrungen mit dem koordinierten Einsatz von Georadar, Dampfsonden, Ortungskameras und dem Wissen erprobter Bergretter gesammelt und ein in zwei Meter Tiefe Verschütteter nach 13 Tagen gefunden und geborgen.
Ein ähnlicher, in seiner Dimension noch größerer Einsatz in der Nähe von Salzburg (Griesbachgraben – Hintersee) bringt für die Zukunft wertvolle Erkenntnisse zur Suche nach Verschütteten bei komplexen Lawinenszenarien mit großen Verschüttungstiefen und kompakten Schneeverhältnissen.
Auszug aus dem Einsatzbericht der Salzburger Bergrettung:
13.02.2009
Um ca. 21.00 h wird die Bergrettung alarmiert, dass ein Variantenfahrer vermisst wird. Vermutlich wollte er den Mühlbachgraben oder Griesbachgraben von der Anzerberghöhe ausgehend nordseitig befahren.
Zu diesem Zeitpunkt war durch anhaltende Schneefälle die amtliche Lawinenwarnstufe 4 schon längst überschritten.
In beiden Gräben wurden Lawinenabgänge festgestellt, aber kein Signal eines LVS Gerätes empfangen. Auch der Einsatz der Lawinenhunde war negativ.
In der Nacht wurde noch eine Handypeilung versucht, aber nach der 1. Peilung war der Akku des Handys des Vermissten nach den vielen vorherigen Anrufversuchen leer und der Einsatz musste um 01h30 wegen Lawinengefahr abgebrochen werden.
14.02.2009

Da die einzige Handypeilung die Richtung zum Mühlbachgraben zeigte und auch die Hinweise der Bekannten des Vermissten diese Abfahrtsvariante bestätigten, wurde zwischen 07h30 und 13h30 neuerlich mit LVS Geräten, Recco-Sonde und Lawinenhunden im Mühlbachgraben gesucht und schließlich wegen zu großer Lawinengefahr abgebrochen.
In den folgenden Wochen wurde aufgrund der großen Neuschneemengen, der damit verbundenen hohen Lawinengefahr mit zahlreichen Lawinenabgängen, nur noch mit Hubschrauber durch die Alpinpolizei weitergesucht. 

19.04.2009: 08h00-14h30
Planmäßiger Sucheinsatz mit Lawinenhunden, LVS-Geräten und Recco-Sonde.
Seit dem Unglückstag waren zahlreiche zusätzliche Lawinen von drei Seiten in den Mühlbachgraben abgegangen, so dass der Mühlbachgraben mehrere Meter hoch mit Lawinen und Bäumen angefüllt war.
Durch die extrem verfestigte, geschätzte 10-15 Meter dicke Schneedecke des Lawinenkegels war es mit herkömmlichen Mitteln nicht möglich zu sondieren.
Mangels Erfolgschancen wurde der Einsatz am Nachmittag abgebrochen.
Für weitere planmäßige Suchaktionen sollte eine deutliche Abschmelzung der Schneemassen abgewartet werden.
Jedoch wurde im Wochenryhtmus immer wieder mit Hunden, LVS–Gerät und Recco–Sonde sowie optisch nach Ausrüstungsgegenständen sowohl im Mühlbachgraben als auch im Griesbachgraben gesucht.
11.05.2009 17h00 bis 20h30
Neuerlicher planmäßiger Sucheinsatz im Mühlbachgraben mit der Lawinenhundestaffel und Begehung und Befahrung der Abfahrtsvarianten von der Anzenberghöhe sowie Suche mit der Recco-Sonde.
Es konnten keinerlei Spuren gefunden werden, die auf den Vermissten einen Hinweis gaben.
Aufgrund der immer noch enormen Schneemengen am Lawinenkegel wurde eine weitere Suche frühestens in drei Wochen vereinbart.
Durch einen Anruf von dem langjährigen Beobachter und Forscher in der Eiskapelle (Griesbachgraben) Prof. Dr. Slupetzky wurde die Landesleitung der Bergrettung auf die erfolgreiche Suche in Prägraten aufmerksam gemacht.
Nach Kontaktaufnahme mit Markus Keuschnig, Geomorphologe (UNI Salzburg Institut Geographie und Geologie) , Stefan Lackner (Tyrolien Rescue Service) und Markus Bstieler, Bergrettung Prägraten wurde eine neue Suchaktion im Mühlbachgraben mit Georadar, Dampfsonde und Ortungskamera vereinbart.
5.6.2009 08h00 bis 20h00
Zunächst wurde wieder, im bis dahin wahrscheinlichsten Lawinenkegel, mit der Suche begonnen.
Gleichzeitig wurde von der Lawinenhundestaffel der Bergrettung neuerlich der Bereich der Eiskapelle (Griesbachgraben) abgesucht.
Nach dem Auffinden eines Skis durch einen Hundeführer und der Verifizierung als Material des Vermissten wird die gesamte Mannschaft vom Mühlbachgraben in den Griesbachgraben verlegt und mit der systematischen Rastersuche mit dem Georadar begonnen.
Gleichzeitig beginnt die Alpinpolizei mit Suchflügen nach weitern Details im Lawineneinzugsbereich.
Mehr Bilder hier...
Es folgten weitere Suchaktionen:
09.6.2009 optische Suche

11.6.2009 07h00 bis 16h00
Georadar, Dampfsonde, Ortungskamera, Reccosonde, Metalldetector - Abbruch wegen Regen
19.6.2009 07h00 bis 10h00
Georadar, Recco – Abbruch wegen Regen

25.6.2009 17h30 bis 20h00
Begehung der Schmelztunnel

8.7.2009 Begehung der Schmelztunnel

9.7.2009 08h00 bis 19h00
zusätzlich Georadar der Uni.Innsbruck und Differential – GPS

20.7.2009 Vormittag:
Fund - Rucksack mit Airbag am Ende des Schmelztunnels durch einen Bergretter aus Weyregg
20.7.2009 ca. 22h00
Ortung des Vermissten
21.7.2009 17h00 bis 22.7.2009 01h30
Bergung des Vermissten
Zur Bergung aus einer Tiefe von 4,7 Meter Tiefe musste aus dem beinahe eisähnlichem Schnee, unter Kontrolle von Dampfsonde und Ortungskamera, mit Motorsägen und Schaufeln ein 3 x 10 Meter und ca. fünf Meter tiefes Loch gearbeitet und ca. 150 m³ Schnee händisch entfernt werden (geschätzte 120 t)
Bilder siehe hier...
Ausgangslage für den Einsatz des neu formierten Teams – Rasterfahndung:
Komplex aufgebauter Lawinenkegel, in dem mehrere Lawinengenerationen übereinander liegen:
Länge 250 Meter, Breite 10-50 Meter, Mächtigkeit 5-20 Meter
Volumen ca. 75.000 – 100.000 m³
Höhendifferenz ca. 80 Meter
Fallhöhe (Einzugsgebiet, Neigung ca. 45-50°) 500 Meter
Einziger Hinweis: ein zerstörter Schi ohne Bindung oberhalb des Lawinenkegels
Lawinenhauptrichtung Süd- Nord , mehrere Lawinengräben von Osten, mehrere Lawinengenerationen übereinander.
Schneebeschaffenheit: Wassergesättigter, intensiv umgewandelter Firn beinahe Eiskonsistenz (ca. 750 – 800 kg/m³)
Schmelztunnels unter den Lawinen in den jeweiligen Lawinengräben.
Eingesetzte Methoden:
Georadar (GPR – Ground Penetrating Radar) – am Boden und aus der Luft mittels Lift (Unterstützung Uni Innsbruck) zum „Durchleuchten“ des Lawinenkegels – Aufbau, Mächtigkeit und Innere Strukturen können sichtbar gemacht werden, Dampfsonden wegen der Härte/Kompaktheit des Schnees, Ortungskameras zur Visuellen Identifizierung von verschütteten Objekten, Differential GPS zur Verortung/Kennzeichnung der Untersuchten Bereiche, Minensuchgerät, Recco, Suchhunde, Stahlsonden, Hubschrauber …
Ablauf:
• 1. Analyse im Gelände, Versuch einer groben Rekonstruktion des Unfallhergangs, Festlegung der Suchsystematik (Rasterfahndung)
• 2. Einsatz Georadar (Boden, Luft – Lift (mit Unterstützung Uni Innsbruck) – Suchraster – Markierung von Verdachtspunkten – Fotos ….
• Verortung/Kennzeichnung der Messprofile, Sondierungslöcher und anderer Objekte mittels Differential GPS
• 3. Einsatz der Dampfsonden und Ortungskameras an den mit Georadar markierten Verdachtspunkten – Fotos …
• 4. Fortlaufende Analyse der erfassten Georadardaten, Optimierung des Suchablaufes, weitere Eingrenzung des Suchrasters
• 5. Parallele Suche mit Lawinenhunden – Löcher der Dampfsonden können neue „Geruchshinweise“ liefern
• 6. Analyse des Schneedeckenaufbaus auf Basis der Georadardaten – Interpretation der einzelnen Lawinengenerationen, detaillierter Unfallrekonstruktionen möglich – Radargramme … - Fotos …
• 7. Analyse der Schneeschichten in den Schmelztunnels – Korrelation mit Georadardaten -> Puzzle komplettiert sich …
• 8. Zusammenführung aller Daten, deren Analyse und Interpretation durch erfahrene Einsatzpersonen führten zum Erfolg
Rekonstruktion Übersicht siehe hier...
Kleines Fazit:
In Prägraten wie auch in Hintersee konnte herkömmliche, bewährte Methodik (Suchhunde, Stahlsondierung) wegen der schwierigen Rahmenbedingungen nicht mehr erfolgreich eingesetzt werden.
Neue Ideen und Suchansätze waren gefragt, eine innovative Kopplung aus bestehenden Methoden sollte zum Erfolg führen.
Mit der Kombination engagierter Einsatzkräfte, dem Einsatz von Georadar, Dampfsonden, Ortungskameras und Differential GPS konnten zwei extrem aufwändige Einsätze erfolgreich abgeschlossen werden.
Mittelfristig können - bei gezielter Weiterentwicklung der neuen Suchverfahren - Einsätze noch effektiver und erfolgreicher unterstützt werden.
Dank an die Beteiligten: Alle Bergrettungskräfte (der Ortsstellen Salzburg - EL Manfred Schnitzhofer, Grödig, St.Gilgen, Hallein, Bad Gastein, Wagrain und den Bergrettungshundeführern), Tyrolean Rescue Systems (insbesondere Stefan Lackner und Pete), Bergrettung Prägraten (Team Markus Bstieler), Universität Salzburg (Team Markus Keuschnig), Universität Innsbruck (Team Sylvia Laimgruber), Feuerwehr Hintersee, Alpinpolizei … sowie den Familienangehörigen, Freunden und Bekannten des Vermissten aus Oberösterreich.
Bericht:
estolf.mueller@bergrettung-salzburg.at
markus.keuschnig@sbg.ac.at
m.schnitzhofer@palfinger.com
elektro.lackner@aon.at














